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Fichtes Konzeption der Nation

Von Lionel Baland*

Der 1762 in Rammenau bei Dresden geborene und 1814 in Berlin verstorbene Philosoph Johann Gottlieb Fichte ist neben Emmanuel Kant (1724-1804), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854) eine der großen Figuren des deutschen Idealismus.
Zu Fichtes bekanntesten literarischen Werken zählen die Reden an die deutsche Nation, die im Winter 1807-1808, als Napoleons Armeen Preußen besetzten, in Berlin gehalten und daselbst 1808 veröffentlicht wurden. Sie zielen darauf ab, das deutsche Nationalbewusstsein zu wecken und einen Staat für alle Deutschen zu realisieren.

Discours à la nation allemande, Johann Gottlieb Fichte, Imprimerie nationale, Paris, 1992.In der Einführung zu einer französischen Übersetzung, die 1992 von der Imprimerie Nationale in Paris (1) veröffentlicht und von dem 1948 geborenen französischen Philosophen Alain Renaut erstellt wurde, wirft letzterer die Frage nach der von Fichte entwickelten Konzeption der Nation auf: ist es diejenige Konzeption, die aus der Französischen Revolution geboren wurde und von der Annahme des sie konstituierenden Dritten Standes ausgeht, oder aber diejenige der deutschen Romantik, „von der manchmal behauptet wurde, sie sei mit dem Herder’schen Begriff (2) des Volksgeistes (3) entstanden„, der der Nation nur die Nachkommen von Mitgliedern des Volkes zurechnet?

Die revolutionäre Nation

„Die revolutionäre Nation ist kein Körper, dem man angehört, sondern ein Gebäude, das man aus einer vertraglichen Bindung heraus aufbaut und den man daher als eine Willensäußerung ansehen muss. Die Nation bezeichnet hier die Gesamtheit aller Vertragsschließenden und überlässt die Macht dem allgemeinen Willen. So stützt sich Robespierre im Mai 1790 auf eine solche Idee, um die Forderung aufzustellen, dass der König ein „Vertreter der Nation“ sei: er sei deren „Angestellter und Delegierter“, Inhaber „der höchsten Verantwortung für die Ausführung des allgemeinen Willens“. Politisch gesehen ist der Horizont der in dieser Weise verstandenen Idee der Nation daher die demokratische Gemeinschaft, die durch die freiwillige Einhaltung öffentlich programmierter Prinzipien wie etwa der Erklärung der Menschenrechte definiert wird. Und man sollte festhalten, dass es dieser Logik zufolge auf der Welt mehrere Nationen gibt, weil es ja auch mehrere politische Regime gibt, deren Prinzipien nicht alle die der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit sind: der Unterschied zwischen den Nationen ist somit ein politischer, also de facto, und kein natürlicher, also de jure, d.h. er ist nicht gliederbar.“ (4)
Folglich markiert die Staatsgrenze die Grenze der Anwendung des Gesellschaftsvertrags und ist somit keine territoriale oder ethnische Grenze. Die csangehörigkeit ist keine natürliche Bestimmung, sondern „ein Akt der freiwilligen Bindung an die demokratische Gemeinschaft oder an den Gesellschaftsvertrag.“
„Die Nationalität wird somit in die Staatsbürgerschaft aufgenommen und definiert sich weniger als emotionale Bindung als als rationale Einhaltung von Grundsätzen. Heimat ist im revolutionären Sinne die demokratische Gemeinschaft als Heimat der Menschenrechte, und wenn die Bürger „Kinder der Heimat“ sind, sind sie dies vor allem als die Erben der Revolution – wobei dieses Erbe sich genau so wie das der Menschenrechte definiert.“ (5)
„Wenn die Nationsangehörigkeit aus einem Akt der freiwilligen Mitgliedschaft hervorgeht, ist der Zugang zu dieser Nationsangehörigkeit eine freie Wahl: um Franzose zu werden, genügt es der revolutionären Logik zufolge, sich zu den Menschenrechten und ab 1791 zur französischen Verfassung zu bekennen.“ (6)
Dieser Sichtweise zufolge kann einem dieses Zugehörigkeitbekenntnis auch abverlangt werden, wobei die Nationsangehörigkeit jedoch nicht verweigert werden kann. Der Bürger kann dieser Sichtweise zufolge aber auch die Nationsangehörigkeit verlieren, sobald er sich nicht mehr zu deren Werten bekennt.
Bis 1799 sagte Fichte, er sei Franzose, „ohne dass er zu seiner großen Verzweiflung auf eine Reaktion der republikanischen Regierung stieß.“ (7)
Die aus der Französischen Revolution hervorgegangene Nation kann somit alle Individuen des Planeten umfassen, soferne sich diese zu ihren Werten bekennen.

Die romantische Nation

Die Nation der Romantiker steht im Gegensatz zu dem Konzept der Nation, das während der Französischen Revolution entwickelt wurde. Sie basiert auf der Idee, dass es natürliche Unterschiede zwischen den Menschen gibt und dass die Nationalität mit der Geburt verbunden ist, wobei „Einbürgerung“ nur ein Art Notbehelf ist. Die Nationszugehörigkeit kann verweigert werden, insbesondere denjenigen, die zu wenig Kenntnisse der Landessprache haben. Andererseits geht die Nationszugehörigkeit nicht verloren, selbst wenn der jemand in einem anderen Teil der Welt lebt.

Der Wendepunkt

Die Frage, die sich stellt, ist die, wann die Idee der Nation im deutschsprachigen Raum vom Konzept der Aufklärung zum Konzept der Romantik übergegangen ist.
Alain Renaut hält Herder nicht für den Verantwortlichen für diese Wendepunkt und hebt die Tatsache hervor, dass Herder den Begriff des Volksgeistes nie ausdrücklich verwendet habe und dass Isaiah Berlin (1907-1999) aufgezeigt habe, dass Herder immer Universalist blieb: „Es ist vor allem die deutsche Romantik, insbesondere ausgehend von den Schlegel-Brüdern, die durch ihre bekannte Kritik an jeder Form des abstrakten Humanismus zur korrelativen Bestätigung einer absoluten Heterogenität der nationalen Kulturen gelangt.“
Renaut meint ferner, dass, wenn der in Frankreich entstandene Nationsbegriff in Deutschland rezipiert wurde, ebenso der im deutschsprachigen Raum entstandene Nationsbegriff in Frankreich Fuß gefasst habe.

Fichtes Idee der Nation

Kommt die Idee der Nation bei Johann Gottlieb Fichte von der Aufklärung oder von der Romantik, fragt Alain Renaut. Er hebt dabei die Tatsache hervor, dass sich der Begriff der Nation bei Fichte weiterentwickelt hat: seine ältesten Texte schreiben dem Nationsbegriff eine Bedeutung zu, die demjenigen der Aufklärung nahe kommt, während dieser Begriff sich in den Reden an die deutsche Nation in Richtung desjenigen der Romantik verschiebt.
In der Zeit der Reden an die deutsche Nation erschienen bei Fichte Elemente, die sich auf die romantische Konzeption der Nation beziehen: die Sprache, die Aufwertung des Mittelalters und dass die Niederlage von Preußen in Zusammenhang zu sehen sei mit „der Zerstörung des wichtigen Faktors des nationalen Zusammenhalts, den die Religion gebildet hatte, durch den Rationalismus“. (8)
Elemente der Kritik an der Romantik sind jedoch auch in den Reden an die deutsche Nation enthalten. In der Tat ist Fichtes Verweis auf das Mittelalter mehr auf die freien Städte als auf die Fürsten und den Adel gerichtet, also die „Ordnungskräfte“. Fichte befürwortet daher kein aus der Aufklärung hervorgehendes antithetisches Modell zur Demokratie. Während die Romantiker den Katholizismus preisen, tritt Fichte für die Reformation ein. Wenn Fichte auch die Idee der Nation in der Sprache verwurzelt sieht, schrieb er in einem Brief aus dem Jahr 1795: „Wer an Spiritualität und die Freiheit dieser Spiritualität glaubt und vermittels der Freiheit die ewige Entwicklung dieser Spiritualität verfolgen will, der ist, wo immer er auch geboren wurde und was immer auch seine Sprache wäre, von unserer Art, er gehört zu uns und wird mit uns gemeinsame Sache machen. Wer an Unbeweglichkeit, Regression und ewige Rückkehr glaubt oder eine leblose Natur zur Lenkung der Weltregierung installiert, der ist, wo immer er auch geboren wurde und was immer auch seine Sprache wäre, kein Deutscher und uns fremd, und wir müssen hoffen, dass er sich so schnell wie möglich vollständig von uns trennt.“ (9)
Fichte ist daher der Ansicht, dass alle von dem Moment an, in dem sie sich an „die universellen Werte von Geist und Freiheit halten“, die Möglichkeit haben Deutsche zu werden. (10)
„Ein solcher Patriotismus und Kosmopolitismus“, wie Fichte 1806 in seinen Patriotischen Dialogen vorschlug (11), „wären dadurch keineswegs ausgeschlossen: Man wird nicht deutsch geboren, sondern man wird es und verdient es.“ (12)
Wenn andererseits die Reden an die deutsche Nation die politische Romantik ablehnen, so kritisieren sie die Aufklärung zumindest in drei Punkten heftig. In der Tat werfen sie letzterer vor, die religiöse Bindung zwischen den Individuen zerstört zu haben, die jetzt ihre persönlichen Interessen vom gemeinsamen Schicksal loslösen. Darüber hinaus verzichtet das Erziehungskonzept der Aufklärung, das darauf abzielt, das Glück des Einzelnen zu erreichen und alle moralischen Ideale beseitigt, darauf den Menschen zu formen, „indem sie sich gegen die Natur wendet, um der Freiheit zum Durchbruch zu verhelfen, nur darauf abzielt, „etwas im Menschen zu formen“, zum Beispiel dieses oder jenes Talent; man setzt also voraus, dass der freie Wille von Natur aus existiert, dass es nicht erforderlich sei, ihn zu formen, sondern man ihm lediglich das eine oder andere Objekt geben müsse. […] Das Erziehungskonzept der Aufklärung widersetzt sich somit einer Erziehung, die weit davon entfernt, die Natur und den Kult des Glücks zu schätzen, nicht die Freiheit voraussetzt, sondern formale Einschränkung dessen ist, was in uns die Natur darstellt.“ (13)
Erneut ist hier das politische Ideal der Aufklärung, das aus „einer Art Automat besteht, in dem jedes Zahnrad gezwungen wäre, zum Fortschritt des Ganzen beizutragen, einfach aus gut verstandenem Interesse“, laut Fichte zum Scheitern verurteilt.
Fichte weist die Aufklärung und die Romantik gleichermaßen zurück und hält beiden den Vorrang der individuellen Natur vor dem Gesetz vor. Infolgedessen war Fichtes Konzept der Nation in den Jahren 1807-1808 ein Übergang zwischen dem der Aufklärung und dem der Romantik; oder war es gar eine dritte Idee davon, die nicht darauf beruhte, einer Nation anzugehören oder sich ihr anzuschließen, „sondern als Konzept der Erziehbarkeit gedacht“?
Fichte glaubt daher, dass jeder der nationalen Gemeinschaft beitreten kann, solange er die Werte von Geist und Recht anerkennt. Aber „er hinterlässt uns auch diese Überlegung, wonach Freiheit, die diesen Beitritt begründet, keine metaphysische Freiheit ist, die Zeit und Geschichte übersteigt, sondern immer eine situationsgebundene Freiheit, kurz gesagt, muss diese Freiheit, um sich in signifikanter Weise auszuüben, Teil einer Kultur und einer Tradition sein, für die die Werte des Geistes und des Gesetzes eine Bedeutung haben. Wie aber ist diese Vorschrift denkbar? […] Fichte stellte sich tatsächlich vor, dass das sichtbare Zeichen der Vorschrift einer Freiheit innerhalb einer Kultur und einer Tradition in der Fähigkeit besteht, erzogen zu werden, also in der Erziehbarkeit zu den Werten dieser Freiheit und dieser Tradition. Daher sein Beharren auf nationaler Erziehung als Erziehung zur Nation. Daher kommt es auch […], dass er die Bedeutung sprachlicher Gegebenheiten hervorzuheben vermochte, außerhalb derer die Erziehbarkeit problematisch ist, jedoch ohne diese Gegebenheiten zur conditio sine qua non zu machen, wie es eine Theorie der Nation machen würde, sie sich nicht auf Erziehbarkeit, sondern auf Zugehörigkeit gründet.“ (14)
Dieses Modell ermöglichte Fichte die Ablehnung der Konzeption der Nation, wie sie von der Aufklärung einerseits und von der Romantik andererseits vertreten wurde, und darüber hinaus die Befreiung von den durch Aufklärung und Romantik repräsentierten Denksystemen.

Anmerkungen

(1) Johann Gottlieb Fichte (Präsentation, Übersetzung und Anmerkungen von Alain Renaut), Discours à la nation allemande, Imprimerie nationale, Paris, 1992.
(2) Johann Gottfried Herder wurde 1744 geboren und starb 1803.
(3) Volksgeist oder nationales Genie.
(4) Johann Gottlieb Fichte, Discours à la nation allemande, p. 13.
(5) Ibid., p. 14.
(6) Ibid.
(7) Ibid.
(8) Ibid., p. 29.
(9) Ibid., p. 32.
(10) Ibid.
(11) (Übersetzung von Luc Ferry et Alain Renaut), in : Johann Gottlieb Fichte, Machiavel et autres écrits philosophiques et politiques de 1806-1807, Payot, Paris, 1981.
(12) Johann Gottlieb Fichte, Discours à la nation allemande, p. 32-33.
(13) Ibid., p. 36.
(14) Ibid., p. 42-43.

Dieser Beitrag erschien zuerst in französischer Sprache bei EuroLibertés, http://eurolibertes.com/culture/conception-de-nation-de-fichte/


*) Lionel Baland schreibt für patriotische französischsprachige Medien wie EuroLibertés, Boulevard Voltaire und Breizh-info. Er tritt auch gelegentlich als Kommentator bei TVLibertés und RadioLibertés auf. Sein politischer Blog: lionelbaland.hautetfort.com/